Von Steuer-Angst und der Jamaica-Taste

28. März 2019
Der Refent des Abends, Dr. Christian Kläne (Mitte), eingerahmt von den Gastgebern Dietrich Behrens (links, Wirtschaftsförderer der Stadt Wolfenbüttel) und Michael Schmitz, dem Vorsitzenden des Beraternetzwerks Existenz und Zukunft (E&Z). Foto: E&Z
Wolfenbüttel. "Die Anmeldezahlen haben uns fast umgehauen." Dietrich Behrens als Wirtschaftsförderer der Stadt Wolfenbüttel machte bei seiner Begrüßung kein Hehl daraus, wie ungewöhnlich gut der jüngste Vortragsabend angenommen wurde. "Digitalisierung ohne Angst vorm Finanzamt" lautete das Thema, zu dem Behrens sowie das Beraternetzwerk Existenz und Zukunft eingeladen hatten. Das berichten die Veranstalter.

„120 Anmeldungen hatten wir noch nie“, erklärte der Wirtschaftsförderer, warum die Veranstaltung schließlich sogar verlegt werden musste: aus dem Ratssaal in den Raum Kenosha (Lindenhalle).

Das Interesse mochte am Referenten des Abends gelegen haben. Dr. Christian Kläne ist stellvertretender Leiter des Finanzamts Oldenburg. Die Kurzweiligkeit des Juristen ist in der Szene schon bekannt, und es soll Steuerbüros aus Wolfenbüttel geben, die einen Großteil ihrer Belegschaft in die Lindenhalle schickten, um den Vortrag zu genießen. Dr. Kläne schilderte anschaulich Beispiele aus der Praxis, nahm den Zuhörern aber auch mögliche Ängste, sie seien durch die zunehmende Digitalisierung dem Finanzamt schutzlos ausgeliefert.

Die Angst vor dem Finanzamt

„Ist die Angst vor dem Finanzamt eigentlich eine gute oder eine schlechte Sache?“ fragte der Referent, um gleich die Antwort zu geben: „Eine diffuse Angst ist natürlich nicht gut. Aber die Angst des Steuerhinterziehers vor Aufdeckung finden wir im Amt eigentlich ganz in Ordnung.“

Schon heute habe die Digitalisierung großen Einfluss auf die Zusammenarbeit des Steuerpflichtigen mit dem Finanzamt, erzählte Dr. Kläne, während er den Aufbau seiner Behörde skizzierte. So stelle die online-Jahresmeldung eine Art Zwangsdigitalisierung dar. Bei privaten Steuererklärungen entscheide im Übrigen schon der Computer, wer und was geprüft werde. „Im Gegensatz zu den Betriebsprüfungen ist das heute eine Zufallsentscheidung.“

Breiten Raum des Vortrags nahmen jene Wirtschaftsvorgänge ein, die Dr. Kläne und Kollegen als „Bargeldbereich“ bezeichnen. Eine Registrierkasse beispielsweise könne schnell „zum steuerschädlichen Werkzeug“ werden, wenn man sie manipuliere. „Einerseits summiert sich der Steuerausfall allein in der deutschen Gastronomie auf rund zehn Milliarden Euro pro Jahr“, berichtete er. Andererseits gehe es auch um die Gerechtigkeit am Markt: „Gastronomen, die sich korrekt verhalten, können oft die Preise ihrer inkorrekten Kollegen nicht halten.“

Die Praxis der „Jamaica-Taste“

In der Vergangenheit seien auf diese Weise ganze Branchen in die Steuerhinterziehung reingerutscht. Doch mittlerweile habe sich die Praxis der „Jamaica-Taste“ herumgesprochen, durch die an den Kassen der Tagesumsatz am Abend steuerschädlich reduziert werden könne. Warum Jamaica? „Weil sich der Gastronom von der gesparten Steuer einen schönen Urlaub auf Jamaica geleistet hat.“

Doch mittlerweile gehe das Finanzamt konsequent gegen solche Täter vor. „Wir haben jetzt geschultes Personal, das sich mit allen Kassentypen auskennt.“ Schon die Kassenhersteller arbeiteten mit dem Amt zusammen. „Es ist für Betrüger deutlich gefährlicher geworden.“ Im Übrigen wollte Dr. Kläne nicht Gastronomen in die Ecke stellen. „Auch Eisdielen und Apotheken sind anfällige Branchen.“ Der Oldenburger berichtete von einem aufgedeckten Fall, bei dem ein Apotheker seinen Umsatz per Registrierkasse jahrelang um 500 Euro reduziert hatte – „pro Tag“.

Doch ab 2020 gebe es an Registrierkassen eine digitale Schnittstelle zum Finanzamt, blickte der Gast voraus. Diese Veränderung des Marktes bringe ganz sicher auch eine Veränderung des Wettbewerbs mit sich. „In der Folge sind auch höhere Preis zu erwarten.“ Nachvollziehbarer Weise plädierte der Jurist für ein steuer-ehrliches Verhalten, das er schmunzelnd mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 Stundenkilometer verglich: „Halten sie sich bitte an die Vorgaben“, mahnte er. „Exakt 100 werden sie wahrscheinlich nicht schaffen, aber 110 wäre ein schönes Ziel. Sollten sie schneller sein, wird es bei der nächsten Prüfung eng.“

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