Offener Brief an die MdB – „Rückwärtsgewandte Medienpolitik“

20. November 2019
Die Auflagenzahlen von Tageszeitungen sind rückläufig, die Kosten für ihre Zustellung steigen. Nun sollen steuerlich finanzierte Subventionen eine flächendeckende Versorgung sicherstellen. Das kritisiert der geschäftsführende Gesellschafter unserer Online-Zeitung in einem offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten unserer Region. Symbolbild: Pixabay
Die Auflagenzahlen von Tageszeitungen sind rückläufig, die Kosten für ihre Zustellung steigen. Nun sollen steuerlich finanzierte Subventionen eine flächendeckende Versorgung sicherstellen. Das kritisiert der geschäftsführende Gesellschafter unserer Online-Zeitung in einem offenen Brief an die Bundestagsabgeordneten unserer Region, den wir hier ungekürzt und unkommentiert veröffentlichen:

 

Sehr geehrte Frau Zimmermann,

sehr geehrter Herr Müller,

sehr geehrter Herr Heil,

sehr geehrter Herr Mohrs,

sehr geehrter Herr Dr. Kühne,

sehr geehrter Herr Perli,

sehr geehrter Herr Kestner,

als ich ein kleiner Junge war, gab es noch überall in Ihren Wahlkreisen gelbe Telefonzellen und Telefone mit Wählscheiben. Es gab Walkman und dazugehörende Kassetten. Es gab VHS-Videos und Videotheken. Heute gibt es Handys und Smartphones, Musikdownloads via Spotify, Pay-TV und Netflix. 

Technische Innovationen verändern unser Leben und auch unsere Mediennutzung. Das war schon immer so. Heute gibt es neben den traditionellen Papierzeitungen unzählige digitale Nachrichtenverbreiter im Internet, viele davon Start-ups, dazu gehören auch unsere acht Online-Tageszeitungen von regionalHeute.de.  

Sehr geehrte MdB,

(und weil dieses Thema in Ihrem Resort angesiedelt ist, insbesondere)

sehr geehrter Herr Minister Heil,

ich schreibe Ihnen diesen offenen Brief, weil ich den Beschluss des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages von Ende letzter Woche, die Zustellung von Papierzeitungen mit rund 40 Millionen Euro Steuergeldern im ersten Jahr (2020) zu fördern für grotesk und wettbewerbsverzerrend halte.

Ich möchte Sie hiermit auch herzlich einladen, sich dazu öffentlich zu positionieren. Eine sofortige, ungekürzte und unkommentierte Veröffentlichung Ihrer Antwort durch unsere Redaktion sage ich Ihnen schon heute zu. 

Ich weiß, die Regierungskoalition hatte dieses Thema bereits in den Koalitionsvertrag geschrieben, es war also nur eine Frage der Zeit, bis es zu politischen Handlungen kommt. Die Förderung von Vertriebswegen einer einzelnen, dazu noch rückläufigen  Mediengattung mit öffentlichen Geldern, halte ich für eine rückwärtsgewandte Medienpolitik und somit für falsch. 

Das Zeitungssterben in Deutschland hat begonnen und es wird auch nicht aufzuhalten sein, weil die (modernen) Rezipienten von Zeitungen auch und gerade im Lokaljournalismus nicht mehr auf die Zeitung am nächsten Morgen mit den Nachrichten von gestern warten wollen. Und dabei ist es unerheblich, ob die Zeitung im Handel gekauft oder durch einen Zeitungsboten zugestellt wird. 

Natürlich verstehe ich als Medienunternehmer die zunehmenden Probleme der traditionellen Zeitungsverlage. Ein flächendeckendes System von Zeitungszustellern aufrechtzuerhalten ist teuer. Es lohnt sich umso weniger, wenn die Abonnentenzahlen sinken und in einzelnen Dörfern nur noch wenige Zeitungen verteilt werden müssen. Der zu zahlende Mindestlohn pro Stunde bleibt auch bei geringfügig Beschäftigten gleich hoch, egal ob sie noch drei oder 30 Haushalte mit Zeitungen beliefern.

Auch wenn der gesetzliche Mindestlohn zur Gründung unseres Online-Verlages im September 2011 noch nicht absehbar war, haben wir trotzdem frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und auf die Herausgabe und den Vertrieb einer gedruckten Ausgabe von regionalHeute.de bewusst verzichtet. Wir starteten mit einer reinen Online-Zeitung, weil wir die Entwicklung der sich ändernden Mediennutzung vorhergesehen und eine Chance für die Gründung eines neuen Online-Verlags genutzt haben.

Moderne Menschen jeden Alters rezipieren Nachrichten in der heutigen Zeit digital. Sie auch. Immer mehr auf dem Smartphone oder Tablet, nahezu in Echtzeit, viele übrigens (leider auch) journalistisch ungefiltert in sozialen Netzwerken. Dieses Mediennutzungsverhalten lässt sich nicht mehr umkehren. 

Die Auflagenzahlen von Tageszeitungen sind seit langem rückläufig, die Kosten für ihre Zustellung steigen, nicht nur wegen des Mindestlohns. Aber es kann doch nicht Aufgabe des Steuerzahlers sein, mit steuerlichen Subventionen eine flächendeckende Versorgung von Papierzeitungen sicherzustellen, nur weil die erfolgsverwöhnten Großverlage viel zu spät begonnen haben, ihre Geschäftsmodelle umzustellen. 

Die traditionellen Zeitungstitel verfügen inzwischen alle über einen modernen Online-Ausspielkanal, häufig noch mit Bezahlschranken belegt, weil sie in ihrem selbstverschuldeten Dilemma festsitzen: Die Verlage müssen immer noch gedruckte Zeitungen verkaufen.  

Offenbar können die Verlage mit einem Zuschuss pro zugestelltem Exemplar rechnen. Das soll auch die klassischen Anzeigenblätter einbeziehen. Die sind aber in erster Linie Werbeträger (für Werbebeilagen, also Prospekte) und die Zahl der Werbeverweigerer steigt. Immer mehr Menschen kleben nicht nur aus ökologischen Gründen ein Schild Werbung einwerfen verboten auf ihre Briefkästen. Wer will denn die vermeintlich monetär zu fördernde Zustellung am Ende kontrollieren? Und es ist ja bekannt, dass die gedruckten Auflagen nicht immer auch die vertriebenen Auflagen sind. 

Werbung wird generell ungern wahrgenommen, ob in Print, Fernsehen, Radio oder online. Aber neben Anzeigenblättern haben auch andere Mediengattungen dieses Problem und müssen trotzdem ihr wirtschaftliches Überleben sichern.

Als Nächstes wird sich die Mediennutzung von elektronischen Wiedergabemedien wie Radio und Fernsehen verändern. Programme werden nicht mehr terrestrisch oder digital ausgespielt, sondern gestreamt oder on demand aus Media- und Audiotheken gesehen oder gehört. Wollen Sie dann den großen privaten Fernseh- und Rundfunkveranstaltern in Deutschland mit steuerlich finanzierten Subventionen deren neuen Vertriebswege finanzieren? Wohl kaum. 

Auch wir von regionalHeute.de haben Probleme innerhalb unseres Geschäftsmodells, weil die uns tragende Werbewirtschaft auch noch nicht im erforderlichen Maße im digitalen Zeitalter angekommen ist. Aber deshalb rufe ich auch nicht nach Steuersubventionen, wie die Lobbyisten der traditionellen Zeitungsverleger. Obwohl gerade für kleine und mittelständische Online-Verlage wie uns die Herausforderungen groß sind, was Investitionen in Personal, Redakteure und Technik – bei ständig steigenden Reichweiten in moderne Serverparks (unser Vertriebsweg) und zeitgemäße leserfreundliche Programmierungen – angeht. 

Und wir kämpfen mit eigenem Kapital und mit bescheidenen Mitteln gegen die wirtschaftlich noch immer übermächtigen Großverlage an, denen (nach noch zu erfolgenden Beschluss) Politiker des Deutschen Bundestags zunächst 40, aber Medienberichten zufolge, insgesamt bis zu mehr als 600 Millionen Euro in den nächsten Jahren zukommen lassen wollen. 

Deshalb bitte ich Sie und fordere Sie auf, in Ihren Fraktionen und bei der Debatte im Deutschen Bundestag diese – aus meiner Sicht völlig verfehlte und falsche – Medienpolitik noch einmal intensiv zu diskutieren und diese Steuermillionen nicht in rückwärtsgewandte Printzeitungsvertriebskanäle zu verschleudern, sondern wie in Meseberg gerade thematisiert wurde, den digitalen Ausbau in Deutschland voranzutreiben.

Dafür danke ich Ihnen sehr und verbleibe in freudiger Erwartung auf Ihre (offene) Antwort 

mit freundlichen Grüßen

Ihr

Marc Angerstein

Geschäftsführender Gesellschafter von regionalHeute.de

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