Wolfenbüttel: Die vergessenen Helden unserer Geschichte – Die letzte Ehre der Soldaten

14. Mai 2013 von
Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an den gefallenen Soldaten Friedrich Melzin. Bald wird ein Stein seinen Namen tragen (Foto:Anke Donner)

Die Zahl der im zweiten Weltkrieg getöteten Menschen wird auf etwa 50 Millionen geschätzt, rund die Hälfte davon waren Soldaten. Allein Deutschland hatte zwischen 1939 und 1945 etwa 3.250.000 tote und vermisste Soldaten zu beklagen. Die ehemalige Sowjetunion verzeichnete sogar 13.600.000 getötete und vermisste Soldaten, so viel wie kein anderes Land. Viele der Väter, Söhne und Ehemänner, die ihr Leben im Kampf für ihr Vaterland verloren, sind heute auf Friedhöfen in der ganzen Welt verteilt. Bis heute ist das Schicksal von knapp 1,4 Millionen ungeklärt. Sie geraten fernab der Geschehnisse in Vergessenheit, ernten keinen Ruhm für ihre Taten und können nicht erzählen, wie sie den Krieg auf den Schlachtfeldern erlebten. Ihre Geschichten bleiben ungehört.


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Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.“ kümmert sich seit 1919 um die Vergessenen der zwei Weltkriege und erforscht noch heute Kriegsgräber in der ganzen Welt. Seit 1946 nimmt sich der Volksbund der Gefallenen des zweiten Weltkriegs an, pflegt die Gräber deutscher Soldaten im Ausland und erweist ihnen damit die letzte Ehre. Und sie geben ihnen einen Namen. Die Gefallenen unseres Landes, die zu Kriegszeiten oft nur in Massengräbern ihre letzte Ruhe fanden, bekommen durch den Volksbund eine Grabstätte, die ihrer würdig ist.

Eine Arbeit gegen das Vergessen

Michael Gandt und Elfie Haupt an der Gedenkstätte auf dem Wolfenbütteler Hauptfriedhof (Foto:Anke Donner)

Michael Gandt und Elfie Haupt an der Gedenkstätte auf dem Wolfenbütteler Hauptfriedhof (Foto:Anke Donner)

Durch die unermüdliche Arbeit des Volksbundes werden auch nach 70 Jahren noch die Schicksale deutscher Soldaten wieder in die Gegenwart gebracht. Im Wolfenbütteler Ortsteil Leinde konnte so im Juli 2012 einem deutschen Soldaten nach 67 Jahren die letzte Ehre erwiesen werden. Nach einer aufwendigen Graböffnung fand der Volksbund die Gebeine des deutschen Soldaten Friedrich Melzin. An seiner Erkennungsmarke konnte der Soldat identifiziert werden. Friedrich Melzin starb am 8. März 1945 in Leinde.

Das Grab eines Soldaten auf dem Leinder Friedhof wird geöffnet. Durch seine Marke bekommt der Unbekannte Soldat einen Namen - Friedrich Melzin (Foto:Michael Gandt, Volksbund Braunschweig)

Das Grab eines Soldaten auf dem Leinder Friedhof wird geöffnet. Durch seine Marke bekommt der Unbekannte Soldat einen Namen – Friedrich Melzin (Foto:Michael Gandt, Volksbund Braunschweig)

Das Holzkreuz auf dem Friedhof in Leinde trägt noch keinen Namen (Foto: Anke Donner)

Das Holzkreuz auf dem Friedhof in Leinde trägt noch keinen Namen (Foto: Anke Donner)

Michael Gandt, Geschäftsführer Deutscher Volksbund Bezirk Braunschweig, war bei der Ausgrabung im Sommer 2012 dabei. „Es war für mich ein besonderes Erlebnis, bei dieser Ausgrabung dabei zu sein. Ich habe die Marke des Soldaten in den Händen gehalten und vorsichtig den Schmutz entfernt. Das musste sehr schnell gehen, denn sobald die Marke an der Luft war, setzte die Korrosion ein“, erzählt Gandt.

Michael Gandt reinigt die Marke des Soldaten  Friedrich Melzin auf dem Friedhof in Leinde (Foto:Volksbund Braunschweig)

Michael Gandt reinigt die Marke des Soldaten Friedrich Melzin auf dem Friedhof in Leinde (Foto:Volksbund Braunschweig)

Nun soll der Soldat Friedrich Melzin, dessen Leben im Alter von 47 Jahren in Leinde  endete, ein Ehrengrab bekommen. Noch weist nur ein schlichtes Holzgrab auf die Existenz des Soldaten hin, aber schon bald bekommt er ein richtiges Grab, an dem vielleicht Verwandte einen Ort zum Gedenken finden.

Die Gräber der gefallenen Soldaten in Deutschland werden meist von den Gemeinden und Städten gepflegt. Hierfür stellt das Land jährlich 21 Euro pro Grab zur Verfügung. Im Ausland sorgt der Deutsche Volksbund dafür, dass die Soldaten nicht in Vergessenheit geraten, pflegt die Denkmäler und bewahrt das Andenken an die Helden unserer Geschichte. Aber sie tun noch mehr. Mehrere 10.000 tote Soldaten wurden in Deutschland vom Volksbund aus Feld- und Massengräbern geborgen und in endgültige Grabstätten umgebettet. Die Online-Gräbersuche des Deutschen Volksbund kann von Menschen genutzt werden, die auf der Suche nach einem vermissten und gefallenen Soldaten sind. Mehr als 4,5 Millionen Schicksale sind dort gespeichert.

Ruhestätte Heiningen

Die Gedenkstätte in Heiningen erinnert an 79 russische Soldaten (Foto:Anke Donner)

Die Gedenkstätte in Heiningen erinnert an 79 russische Soldaten (Foto:Anke Donner)

Gemeinsam mit der Reservisten Kameradschaft Wolfenbüttel wurde im Jahr 2009 die Ruhestätte der russischen Soldaten in Heiningen umgestaltet. 76 Soldaten bekamen in dem kleinen Wäldchen ihr Ehrenmal. Bei 39 Soldaten konnten Namen und Geburtsdatum, sowie das Sterbedatum ermittelt werden. An drei Gedenksäulen sind nun kleine Messingplatten zu ihren Ehren angebracht. Die Patenschaft zur Pflege des Ehrenmals hat die Reservisten-Kameradschaft Wolfenbüttel übernommen.

Ruhestätte Hauptfriedhof Wolfenbüttel

Die Gedenkstätte auf dem Hauptfriedhof in Wolfenbüttel erinnert an über 300 sowjetische Opfer des Zweiten Weltkriegs (Foto: Anke Donner)

Die Gedenkstätte auf dem Hauptfriedhof in Wolfenbüttel erinnert an über 300 sowjetische Opfer des Zweiten Weltkriegs (Foto: Anke Donner)

Auf dem Hauptfriedhof in Wolfenbüttel sind viele solcher Gedenkschilder in den Rasen eingelassen. (Foto:Anke Donner)

Auf dem Hauptfriedhof in Wolfenbüttel sind viele solcher Gedenkschilder in den Rasen eingelassen. (Foto:Anke Donner)

Auf dem Hauptfriedhof in Wolfenbüttel erinnern 716 Gräber an die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Viele von ihnen sind sowjetische Soldaten und Zivilisten, die in Kriegsgefangenschaft in Wolfenbüttel ums Leben kamen. Die Gedenkstätte am Rande des Friedhofs wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der sowjetische Militärsmission errichtet und geriet immer mehr in Vergessenheit. Erst im Jahr 2005 erforschten Jugendliche aus Russland, Weißrussland, Polen und Deutschland die Grabstätte auf dem Hauptfriedhof  und gaben den Soldaten ihre Identität zurück. Ihre Namen sind noch heute auf kleinen Schildern im Gras zu lesen.

Allein im Stadtbezirk Wolfenbüttel sind in 5 Grabstätten 754 Kriegstote begraben. Und immer noch, Jahrzehnte nach dem Krieg, sorgt der Volksbund dafür, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten, dass ihre Geschichten und Schicksale auch 70 Jahre nach dem Krieg nicht aufhören zu existieren. Weltweit werden die Gräber der gefallenen Soldaten erforscht und gepflegt. Nur das Erinnern allein ist nicht ihr Antrieb, sie wollen ein Zeichen setzten und die Menschen wach rütteln. Nie wieder sollen Menschen auf der Welt einen Krieg wie diesen erleben. Die Spuren des Krieges, die wir noch heute so deutlich vor uns haben, sollen eine Mahnung sein.

Ein Buch gegen das Vergessen

Das Buch "Soldat Willi Haupt" von Elfie Haupt (Foto: Buchumschlag/ Elfie Haupt)

Der Soldat Willi Haupt (Foto: Buchumschlag/ Elfie Haupt)

Willis letzter Brief orig.

Auszug aus Willis letztem Brief im August 1942 (Foto:Buch „Der Soldat Willi Haupt“ /Elfie Haupt)

Elfie Haupt, Autorin aus Einbeck, konnte mit Hilfe des Volksbunds das Schicksal ihres Onkel Willi aufdecken. Der Gefreite Willi Haupt fiel am 26. August 1942 im Alter von nur 32 Jahren in der Schlacht bei Dimitrijewka/Stalingrad. Auf dem kleinen Soldatenfriedhof in Peskowatka wurde er von seinen Kameraden begraben. Viele Jahre blieb das Schicksal des jungen Soldaten ungewiss.

Bis zu jenem Tag vor acht Jahren – beim Aufräumen des Dachbodens ihrer Schwiegereltern fand Elfie Haupt einen Koffer. Der Inhalt verschlug der Einbeckerin den Atem. Sie hielt eine Fotografie ihres Sohnes Matthias in den Händen. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie, dass es nicht ihr Sohn war, der ihr da von der vergilbten Fotografie entgegen lächelte, sondern der verstorbene Bruder ihres Schwiegervaters, Willi Haupt. „Was dann geschah kann man oft nicht mehr mit Zufall beschreiben“, sagte die Autorin im Gespräch mit unserer Online-Zeitung.  Elfie Haupt unternahm eine Reise in die Vergangenheit und damit in das kurze Leben des gefallenen Soldaten Willi Haupt.

Im September 1942 erreichte Willis Eltern die Nachricht vom Tod ihres Sohnes

Im September 1942 erreichte Willis Eltern die Nachricht vom Tod ihres Sohnes (Foto:Buch „Der Soldat Willi Haupt“ /Elfie Haupt)

Während ihrer Recherche begegneten ihr Geschichten, die sie zeitweilig als „mystisch“ bezeichnet. Denn kann es Zufall sein, dass Onkel Willi und ihr Sohn Matthias an ein und demselben Tag getauft und konfirmiert wurden? Ohne, dass sie jemals davon wusste? Ist es Zufall, dass Onkel Willi und Matthias den selben Spitznamen trugen? Kann es denn nur Zufall sein, dass die Verlobte von Onkel Willi, Elsi, fast den gleichen Namen trug wie sie selbst? Und was war mit dem Gefühl, das die Autorin stets begleitete und ihr zeigte,  Onkel Willi ist an ihrer Seite. Was sich vielleicht merkwürdig anhören mag, trieb die Einbeckerin aber immer weiter voran. Sie wollte die Geschichte und das Schicksal des jungen Gefreiten aufdecken und  an ihn erinnern. Doch sie wollte nicht nur an ihn erinnern, sondern an Millionen anderer Soldaten, die in einem grausamen Krieg ihr Leben ließen. Das war ihr Wunsch und ließ sie immer weiter in die Vergangenheit tauchen.

Ihre Recherchen, die sich über viele Jahre hinweg zogen, brachten unzählige Briefe zu Tage. Briefe, die Willi Haupt während seines Kriegseinsatzes seiner Familie schrieb. Briefe über Sehnsucht, Kummer, Leid, Hunger und Kälte. Und plötzlich war Onkel Willi wieder da, aus der Vergessenheit in die Arme seiner Familie zurückgekehrt. Elfie Haupt beschreibt ihre Suche nach Informationen über Onkel Willi als „Onkel-Willi-Syndrom“, mit dem sie irgendwann ihre Verwandten und Freunde „infizierte“.

Der letzte Brief von Willi Haupt. Elfie Haupt hat ihn abgetippt und in ihrem Buch veröffentlicht (Foto: Buch "Der Soldat Willi Haupt"/Elfie Haupt)

Der letzte Brief von Willi Haupt. Elfie Haupt hat ihn abgetippt und in ihrem Buch veröffentlicht (Foto: Buch „Der Soldat Willi Haupt“/Elfie Haupt)

Elfie Haput suchte weiter und stieß in den alten Briefen auf die damalige Verlobte von Onkel Willi. Elsi. Und sofort machte sich wieder ein unbändiger Drang in ihr breit, diese Dame zu suchen. Und Elfie Haupt fand Elsi. In einem kleinen Ort in der Schweiz fand sie die Verlobte von Onkel Willi, Elsi. Die alte Dame war sprachlos und gerührt, als sie von Elfie Haupt den Grund für ihren Anruf erfuhr. Sie sprachen lange über Willi Haupt und Elsi erzählte ihr, dass sie nach seinem Tod nie geheiratet hatte.

Alles was sie fand trug sie in einem Buch zusammen, das 2006 unter dem Titel „ Soldat Willi Haupt – Ein Einbecker Junge“ , erschien. Ein Buch, das die ergreifenden Briefe des jungen Soldaten an seine Familie dokumentiert, während der Krieg ihn nach England, Frankreich und Russland führte. Ein Buch gegen das Vergessen.

Bei ihrer Recherche half ihr auch der Deutsche Volksbund. Schon immer wusste sie um die Arbeit des Vereins.“ Schon meine Großmutter spendete wann immer sie die Gelegenheit hatte, für den Volksbund. Daher war mir die Arbeit sehr bewusst“, erzählt Elfie Haupt.

Elfie Haupt ahnte jedoch nicht, dass sie im Deutschen Volksbund viele Jahre später eine große Hilfe fand. Ihre Anfrage beim Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge im Jahr 2005 gab ihr einen entscheidenden Hinweis. Willi Haupt, der im Alter von 32 Jahren fiel, galt als vermisster Soldat in Stalingrad. Der Volksbund hatte in der Nähe von Stalingrad eine Gedenkstätte errichtet, auf der unzählige Soldaten ihre letzte Ruhe fanden. Die Nachforschungen dort vor Ort ergaben, dass auf dem kleinen Soldatenfreidhof Peskowatka nun eine Schule errichtet wird.  Auch Willi Haupt soll dort begraben sein. „Wir wissen heute, dass Onkel Willi auf diesem Gelände ist. Das Grab von ihm haben wir bis jetzt noch nicht genau ausmachen können. Aber das Gefühl, zu wissen, dass er dort irgendwo ist, ist sehr schön“, so Elfie Haupt. Ob der Volksbund jemals die Überreste des Soldaten Willi Haupt bergen kann, ist ungewiss. Bei seiner Rückkehr hatte der Volksbund eine besonderes Geschenk für  Elfie Haupt dabei. Ein Büschel Steppengras, das auf dem Gelände, wo Willi begraben ist, wuchs. Für Elfie Haupt hat dieses Grasbüschel eine ganz besondere Bedeutung.

Ihre Reise führte sie weit in die Vergangenheit und endete in der Gegenwart, wo sie auf unzählige Menschen traf, die ähnliche Schicksale erlebt haben. Noch heute ist sie Anlaufstelle für Menschen, die auch auf der Suche nach einem gefallenen Familienmitglied sind. „Mir begegnen Menschen, die weinend vor mir stehen und um Hilfe bitten“, erzählt sie ergriffen. Und Elfie Haupt hilft, wo sie kann. In enger Zusammenarbeit mit dem Volksbund kämpft sie gegen das Vergessen und hilft, Schicksale wie die von Onkel Willi, zu erforschen. „Ich möchte, dass die Menschen hin sehen. Sie sollen diesen Teil unserer Geschichte nie vergessen.“

Am 14. November 2010  las Elfie Haupt im Deutschen Bundestag aus ihrem Buch „Soldat Willi Haupt“ vor. So erinnerte sie am Volkstrauertag an die Opfer des Krieges.

Elfie Haupt erinnert jeden Tag an Onkel Willi und sein Schicksal, das einst  in Stalingrad besiegelt wurde. Neben seinem Bild steht jeden Tag ein Strauß frischer Blumen. Der Soldat Willi Haupt bleibt unvergessen…

 

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