Schüler-Boom: Tausende Lehrer werden benötigt

14. Juli 2017 von
Von links: Die Landtagsabgeordneten aus Wolfenbüttel, Björn Försterling (FDP), Marcus Bosse (SPD) und Frank Oesterhelweg (CDU) nahmen auf Anfrage von regionalHeute.de Stellung zu den Ergebnissen der Studie. Foto: Parteien/Parteien
Wolfenbüttel. Nach 15 Jahren kontinuierlichem Rückgang kündigt sich ein Schüler-Boom an. 8,3 Millionen Kinder und Jugendliche werden voraussichtlich im Jahr 2025 in Deutschland zur Schule gehen, haben Forscher im Auftrag der Bertelsmann Stiftung berechnet. Das sind gut 300.000 Schüler mehr an den allgemeinbildenden Schulen als noch vor zwei Jahren.

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Im März dieses Jahres verkündete das Statistische Bundesamt erstmals seit dem Jahr 2000 einen Anstieg der Schülerzahlen. Das Plus von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr ist der verhaltene Beginn eines Trends, der enorm an Fahrt gewinnen wird: 2025 werden bereits 4 Prozent mehr Kinder und Jugendliche die Schulbank drücken als heute, im Jahr 2030 sind es sogar 8 Prozent, so die Schätzung der Bertelsmann Stiftung. „Mit diesem Schüler-Boom hat kaum jemand gerechnet. Jetzt besteht enormer Handlungsdruck. Viele Bundesländer müssen komplett umdenken“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Grundschulen brauchen 25.000 zusätzliche Lehrer

Als erste spüren den Anstieg die Grundschulen. Dort fehlen im Jahr 2025 gegenüber heute 24.110 Lehrer, sofern die Klassen nicht größer werden sollen. An den weiterführenden Schulen sinken die bundesweiten Schülerzahlen zwar zunächst noch einige Jahre. Doch zeitversetzt erreichen die starken Jahrgänge auch die Gymnasien, Gesamt-, Ober- und Regionalschulen. 9 Prozent mehr Schüler als heute werden 2030 in den Klassenräumen der Sekundarstufe I sitzen. Auch dort werden dann zusätzlich 27.000 Lehrer benötigt. Weil den Lehrerkollegien aufgrund ihrer Altersstruktur eine Pensionierungswelle bevorsteht und ohnehin vielerorts bereits Lehrermangel herrscht, werde der Bedarf an zusätzlichen Lehrkräften schwer zu decken sein.

Försterling wenig überrascht

Björn Försterling. Foto: Nigel Treblin

Für den FDP-Landtagsabgeordneten Björn Försterling kein überraschendes Ergebnis, da sich der Bedarf bereits seit einiger Zeit abgezeichnet habe. „Steigende Bedarfe an Krippen- und Kindergartenplätzen haben diese Entwicklung angekündigt. Spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass die Lehrerausbildung ausgebaut werden muss“, so Försterling. Ein Hauptproblem sei aber, dass das Kultusministerium keine Prognose über den Personalbedarf erstellt. „In jedem Unternehmen gibt es eine Personalplanung, nur im rot-grünen Kultusministerium ist man jedes Jahr aufs Neue überrascht, dass zu wenig Lehrer verfügbar sind. Dieser Einbruch der Unterrichtsversorgung lässt sich im Vorfeld verhindern, allerdings nur mit einer vernünftigen Planung. Dass die Kultusministerin Heiligenstadt nicht gelingt, wird das nächste Schuljahr allen Schülern und Eltern erneut spürbar vor Augen halten“, erklärt Försterling weiter.

„Nicht nur den Bedarf feststellen“

Aus Sicht der Freien Demokraten müsse es eine Personalplanung durch die Landesregierung geben, in der nicht nur der Bedarf festgestellt wird, sondern auch die niedersächsischen Universitäten mit in die Pflicht genommen werden, anhand dieses ermittelten Bedarfs auch angehende Lehrkräfte auszubilden. „Dann haben auch die Studierenden Gewissheit, mit welchem Lehramt und welcher Fächerkombination sie die besten Chancen haben künftig in Niedersachsen Schülerinnen und Schüler zu unterrichten“, so Försterling.

Rot-grüne Landesregierung entschlossen

Marcus Bosse. Foto: SPD

Auch für die SPD mit ihrem Landtagsabgeordneten Marcus Bosse kommen die Ergebnisse der Studie nicht überraschend, da das Kultusministerium seine Prognosen über die zukünftige Schülerzahl ständig an die aktuellen Gegebenheiten anpasse. Bosse schloss sich der Meinung von Stefan Politze, kultuspolitischer Sprecher der SPD, an, der ergänzte: „Außerdem bildet der aktuelle Haushalt der rot-grünen Landesregierung heute bereits mehr Stellen für Lehrerinnen und Lehrer ab, als dies jemals in der Geschichte unseres Landes der Fall war.“

Kritik an FDP und CDU

Politze kritisiert in diesem Zusammenhang auch die Opposition von CDU und FDP: „Der ehemalige CDU-Kultusminister und aktuelle Spitzenkandidat Bernd Althusmann hat die Lehrerausbildung in seiner Amtszeit leider als Sparbüchse genutzt und unter tätiger Mithilfe der FDP genau diese Studienplätze drastisch reduziert. Aufgrund der durchschnittlichen Dauer eines Lehramtsstudiums erleben wir derzeit eine Lücke bei den studierten Lehrkräften. Diese für sie unangenehmen Fakten lassen CDU und FDP bei ihren Tiraden zur Unterrichtsversorgung aber nur zu gerne unter den Tisch fallen.“

Oesterhelweg ahnte Trendwende

„Einleitend möchte ich darauf hinweisen, dass ein Anstieg der Geburtenzahlen natürlich positiv zu bewerten ist, da wir ja seit einigen Jahren die negativen Folgen des demographischen Wandels, verbunden mit einem stellenweise drastischen Bevölkerungsrückgang, diskutiert haben, beispielsweise den Fachkräftemangel. Ich habe durchaus erwartet, dass es zu einer Trendwende kommt, aber sicher nicht in diesem Maße“, erklärte der CDU-Landtagsabgeordnete Frank Oesterhelweg gegenüber regionalHeute.de.

Hoffnung auf „vernünftige Einwanderungsregelung“

Oesterhelweg erinnerte sich daran, dass schon vor einigen Monaten von einem leichten Anstieg der Geburtenrate zu lesen gewesen sei. „Die höheren Zahlen, die man jetzt prognostiziert bekommt, haben natürlich auch und vor allem etwas mit der Zuwanderung zu tun, das heißt mit Asylbewerbern und Flüchtlingen. Ich hoffe wirklich sehr, dass diese starke Zuwanderung zum Stillstand kommt und die Fluchtursachen wie Krieg und Verfolgung wegfallen oder zumindest reduziert werden können“, betont Oesterhelweg. Ebenso hoffe er, dass man zu einer vernünftigen Einwanderungsregelung für die EU und Deutschland komme, den Familiennachzug auf ein Mindestmaß begrenze und die Rückführung abgewiesener Asylbewerber konsequent angehe. Trotzdem werde es wieder, wenn vielleicht auch nicht im prognostizierten Ausmaß, zu einem Anstieg der Schülerzahlen kommen „und das ist gut“, ergänzte er.

Frank Oesterhelweg. Foto: CDU

„Klar ist, dass ansteigenden Schülerzahlen schon frühzeitig Rechnung getragen werden muss. Wir haben als Union schon vor einiger Zeit im Kreistag darauf hingewiesen, dass die Schließung von Schulstandorten auch im ländlichen Bereich nicht voreilig vorgenommen werden darf, das gilt nun umso mehr. Gleichzeitig müssen wir jetzt in Abstimmung aller Schulträger beraten, wo, wie und in welchem Umfang sich an welchen Standorten die Zahlen entwickeln und wie wir reagieren … durch Verzicht auf Standortschließungen, durch Instandsetzungen, Erweiterungen und Neubauten. Der Anstieg der Schülerzahlen darf nicht dazu führen, dass Klassengrößen wieder nach oben geschraubt werden und/oder die Betreuungsintensität und Unterrichtsqualität darunter leiden. Hier ist ohnehin noch viel nachzuholen, das Bildungsniveau ist gesunken.“

Bestmögliche Voraussetzungen schaffen

Die Länder und der Bund müssen sich laut Oesterhelweg intensiv darauf konzentrieren, die bestmöglichen Voraussetzungen für die Anwerbung und Kapazitäten für die Ausbildung geeigneter Lehrer zu schaffen, was jedoch nicht ohne Investitionen im Schul- und Hochschulbereich vonstatten gehen werde. Lehrkräften, die in Teilzeit arbeiten oder frühzeitig in Pension gehen wollen, seien attraktive und flexible Angebote zu machen, damit sie weiter zur Verfügung stehen. „Wir müssen uns auch rechtzeitig mit in diesem Zusammenhang wichtigen Themen wie der Schülerbeförderung befassen, die in weiten Teilen nicht zufriedenstellend ist“, erklärt Oesterhelweg auf Anfrage von regionalHeute.de. Vor dem Hintergrund des steigenden Migrantenanteils möchte er ebenfalls darauf hinweisen, dass man sich im Vorfeld intensiv mit der vorschulischen Bildung befasse und dafür sorgen müsse, dass die Kinder überhaupt die Voraussetzungen für die Einschulung mitbringen, das bedeute unsere Sprache sprechen und unser Wertesystem kennen und beachten, was natürlich für deren Eltern in gleichem Maße gelte, so Oesterhelweg.

„Deutlich wird auch, dass die ideologischen Strukturdiskussionen ein Ende haben müssen, denn für diesen Unsinn auf dem Rücken von Kindern, Eltern und Lehrern fehlen uns Zeit und Geld – pragmatische Ansätze sind gefragt“, sagte er abschließend.

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