Fraktionen lehnen Viertel mit jüdischen Straßennamen ab

5. September 2017 von
Die Fralktionen äußern sich zu dem Vorschlag, Straßen des neuen Wohnviertels an der Ahlumer Straße nach bekannten jüdischen Einwohnern der Stadt seit dem 18. Jahrhundert zu benennen. Foto: Archiv/Nick Wenkel
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Wolfenbüttel. Jürgen Kumlehn und Dr. Kristlieb Adloff von der Stolperstein-Initiative brachten kürzlich die Idee ein, die Straßen des neuen Wohnviertels an der Ahlumer Straße nach bekannten jüdischen Einwohnern der Stadt seit dem 18. Jahrhundert zu benennen. Dieser Vorschlag stieß jedoch nicht auf die erhoffte Begeisterung.

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Die Idee verfassten Kumlehn und Adloff in einem Antrag an die Stadtverwaltung, der dem Rat der Stadt Wolfenbüttel vorgelegt werden sollte. Die Ideengeber, die sich auch seit Jahren in der Stolperstein-Initative engagieren und sich für die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in der Stadt bemühen, teilten mit, dass man damit einer Jahrzehnte alten Wolfenbütteler Tradition folgen könne. Das neue Viertel könnte mit thematisch zusammenhängenden Straßennamen gestaltet werden, angelehnt an die bereits bestehenden Dichterviertel, Komponistenviertel oder Blumenviertel der Stadt. Aber genau in dieser Parallele sehen die Stadtrat-Fraktionen das Problem. Hier fürchtet die Politik, dass aus dem Wohngebiet das „Das Juden-Viertel“ entsteht. Ein unerwünschter Effekt wäre, dass eine „erneute Ghettoisierung in den Köpfen entsteht“, wie es Florian Röpke, Vorsitzender der Ratsgruppe LINKE/Piraten, beschreibt. 

regionalHeute.de hat die Stadtrats-Fraktionen gebeten, ihre Sicht zu der Idee darzustellen. 

Florian Röpke, Vorsitzender der Ratsgruppe LINKE/Piraten im Rat der Stadt Wolfenbüttel

Florian Röpke. Foto: Alexander Dontscheff

„Auf den ersten Blick fanden wir den Vorschlag sehr gut und sind auch sehr dankbar dafür, dass er eingebracht wurde. Wir haben in unserer Ratsgruppe intensiv diskutiert und auch Rücksprache mit Menschen gehalten, die einen jüdischen Familienhintergrund haben. Auch von der Jüdischen Gemeinde in Braunschweig, namentlich von Renate Wagner-Redding, haben wir eine bedenkenswerte Antwort erhalten. Ich selbst habe mit Herrn Kumlehn bereits über den Vorschlag gesprochen und auch seine Meinung ist nachvollziehbar und gut begründet. Nach Abwägung der verschiedenen Argumente, befürchten wir allerdings, genau wie die jüdische Gemeinde Braunschweigs, dass durch ein gesondertes jüdisches Viertel („Judenviertel“) der Eindruck einer erneuten Ghettoisierung in den Köpfen entsteht. Im Vordergrund müssen, unserer Meinung nach, immer die Verdienste der Namensgeber, nicht ihre jüdische Herkunft, stehen.

Wir werden uns – wenn die Namensgebung ansteht – dafür einsetzen, dass im Baugebiet mindestens eine Straße entsprechend benannt wird. Nach wem, das sollte dann ausführlich diskutiert werden. Dem Vorschlag, das gesamte Baugebiet mit Straßennamen jüdischer Wolfenbütteler zu benennen, werden wir nicht folgen.“

Klaus-D. Heid – Für die AfD-Fraktion im Rat der Stadt Wolfenbüttel

Klaus-Dieter Heid. Foto: AfD

„Unsere Fraktion hält nichts von dem genannten Vorschlag. Es ist nicht sinnvoll, ein Viertel mit ausschließlich jüdischen Straßennamen zu versehen, da es unter Umständen zu einem diskriminierenden Viertel-Namen, wie „Juden-Viertel“ kommen könnte. Überdies sehen wir in diesem Vorschlag eine gewollt gezwungene Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, die nicht integrativ, sondern künstlich ist. Besser wäre es, auch in neuen Stadtvierteln jüdische Menschen, die einen Bezug zu unserer Stadt haben, als „normale Mitbürger und Mitmenschen“ zu integrieren, um eben jenen Integrationsstatus herbeizuführen, der Normalität darstellt.

Wir haben zwar Verständnis für die Motivation des Herrn Kumlehn, möchten aber keinen von ihm aufgedrückten Erinnerungsstatus gutheißen, der aus unserer Sicht kontraproduktiv für eine objektive Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte in Wolfenbüttel ist. Selbstverständlich werden wir es begrüßen, wenn auch in neuen Stadtvierteln nach jüdischen Mitmenschen der Historie eine Straße, ein Weg oder ein Platz benannt wird, solange es im Einklang auch mit anderen zu benennenden Persönlichkeiten, nicht-jüdischer Herkunft, erfolgt, um eine natürliche historische Integration herbeizuführen. Der Begriff „Juden-Viertel“, der sich unter Umständen etablieren könnte (wie z.B. Maler-Viertel, Komponisten-Viertel etc.), wäre aus historischer Sicht wenig zielführend, um eine Akzeptanz jüdischer Persönlichkeiten zu betonen.“

Ralf Achilles, Vorsitzender SPD-Fraktion im Rat der Stadt Wolfenbüttel

Ralf Achilles. Foto: Marc Angerstein

„Die „Idee“ eines Stadtviertels mit Straßenbenennungen nach ehemaligen jüdischen Bürgern Wolfenbüttels ist in der Kommunalpolitik diskutiert worden. Herr Kumlehn hat seine „Idee“ per Mail gestreut, so dass ein großer Personenkreis davon Kenntnis erhielt und dazu auch Stellung nehmen kann.

Vorausgeschicken möchte ich, dass die SPD in Wolfenbüttel seit vielen Jahren den Wunsch hat, dass eine Straße oder ein Platz nach Samuel Spier benannt wird. Insoweit gibt es durchaus eine Schnittmenge mit den Herren Kumlehn und Adloff. Ein gesamtes Viertel mit Namen ehemaliger jüdischer Bürger zu benennen findet in der SPD Stadtratsfraktion keinen Zuspruch. Wir haben uns schon relativ früh positioniert, die Bennenungen dort grundsätzlich angelehnt an das angrenzende Stadtviertel fortzuführen. Insoweit würde der geäußerte Wunsch einen Bruch darstellen. Darüber hinaus ist zu befürchten, dass eine Ballung jüdischer Straßennamen in einem Viertel zu einem verballhornenden Sprachgebrauch führen könnte, der den Lebensleistungen und Schicksalen der Namensgebenden nicht gerecht werden würde.

Erläutern möchte ich auch, warum ich die „Idee“ in Parenthese setze. Es war nicht wirklich überraschend, mit einem solchen Vorschlag von Herrn Kumlehn konnte man rechnen. Sein Einsatz ist anerkennenswert, allein der immerwährende Versuch die Medien zu instrumentalisieren, um die Politik vor sich herzutreiben, bereitet nicht immer Freude.“

Jürgen Selke-Witzel, Vorsitzender Ratsfraktion Bündnis 90/Die Grüne

Jürgen Selke-Witzel, Grüne. Foto: Privat

Jürgen Selke-Witzel Foto: Privat

„Die Ratsfraktion von Bündnis 90/ Die Grünen schätzt die Arbeit der Herren Adloff und Kumlehn zur Erinnerung an die Wolfenbütteler Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens sehr! Trotzdem werden wir ihren Vorschlag zur Benennung der Straßen im neuen Stadtteil östlich des Södeweges nach jüdischen Persönlichkeiten nicht unterstützen. Wir halten es nicht für zielführend, Straßen in einem Stadtteil nach religiösen oder auch geschlechtsspezifischen Merkmalen zu benennen, also zum Beispiel nur nach christlichen Persönlichkeiten oder nur nach berühmten Wolfenbütteler Frauen. Stattdessen könnte man als Kategorie „Politiker“ oder „Wissenschaftler“ wählen, zu denen dann auch Samuel Spier und Gustav Eichengrün bzw. Leopold Zunz und Emil Berliner gehören würden. Wichtig wäre der Grünen Ratsfraktion dann, dass auch Politikerinnen und Wissenschaftlerinnen gleichberechtigt ausgesucht werden würden! Auch wenn die Namensgebung von Straßen dem Rat obliegt, schlagen wir deshalb eine Arbeitsgruppe mit VertreterInnen des Rates und der Bürger*innenschaft vor, um Kriterien zu erarbeiten, nach denen zukünftig der Rat Straßen und Plätze benennen sollte. Die Zeit dafür ist durchaus vorhanden, da wir erst im Auslegungsverfahren sind.“

Winfried Pink, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Wolfenbüttel

Winfried Pink. Foto: Anke Donner

„Die CDU-Fraktion hat in einer Sitzung diesen Vorschlag diskutiert und einstimmig abgelehnt. Generell wird abgelehnt ein komplettes Viertel mit den vorgeschlagenen Namen zu benennen. Einzelne Straßen im gesamten Stadtgebiet könnten die Namen von ehemaligen jüdischen Bürgern Wolfenbüttels bekommen.“

 

 

 

Rudolf Ordon, FDP-Fraktion

Rudolf Ordon (FDP). Foto: Privat

Rudolf Ordon (FDP). Foto: Privat

„Die Fraktion der FDP im Rat der Stadt Wolfenbüttel lehnt die vorgeschlagene Straßenbenennung im Baugebiet Södeweg nach jüdischen Wolfenbütteler Bürgern ab. Wir teilen die Bedenken der jüdischen Gemeinde in Braunschweig. Wer sich mit dem Leiden der Juden während der NS-Zeit auseinandergesetzt hat weiß, dass viele von ihnen sich in erster Linie als Deutsche empfanden. So schreibt zum Beispiel der Schriftsteller Jochen Klepper, der mit einer Jüdin verheiratet war und mit ihr und seiner Tochter 1942 den Freitod wählte, in seinem Tagebuch: „Wenn Menschen das Leben einer deutschen Familie führen, dann sind wir es.“ Wir halten es nicht für angebracht, Menschen allein wegen ihres Glaubensbekenntnisses durch Straßenbenennungen zu gedenken.

Wir würden uns freuen, wenn sich die Wolfenbütteler Bürger durch Vorschläge, die sie den Ratsfraktionen zukommen lassen können, an der Benennung der Straßen im neuen Wohngebiet beteiligen würden.“

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